BMW R 1200 C

Cruiser

Die “Dicke Blonde”

Als die BMW R 1200 C, die "Cruiser", im September 1997 auf dem Markt erschien, war ich von ihr besonders fasziniert. 
Sie bot eine sehr auffällige, eigenständige Optik in Aussehen und Design. Extrem viel Chrom an Motor, Auspuff und Lenker, die niedrige Sitzhöhe von nur 74 Zentimetern, der typische, breit ausladende Zweizylinder-Boxermotor und die ungewöhnliche Vorderradführung über eine Telelever-Gabel verhalfen ihr zu einem markanten, eigenwilligen Retro-Cruiser-Stil, der mich besonders faszinierte. Ausgeliefert wurde die Cruiser in nachtschwarzer Lackierung (mit weißer Linierung), in Canyon-rot-metallic (mit silberner Linierung) und in Elfenbein (mit marineblauer Linierung). Doch als eingefleischter BMW-Liebhaber kam für mich traditionell nur die schwarze Farbgebung in Betracht.
Ich habe damals ernsthaft über den Kauf nachgedacht, doch die Cruiser kostete zur Einführung 23.875 D-Mark (ca. 12.207 Euro) und war damit für mich unerschwinglich.

Doch ich liebäugelt weiterhin mit dem Erwerb solch einer Maschine, und im Jahr kam mir tatsächlich der Zufall zu Hilfe. 
Nur 14 Jahre nach ihrem Erscheinen, im Oktober 2011 entdeckte ich in der Tiefgarage meiner damaligen Dienststelle, dem Landeskriminalamt Berlin, eine elfenbeinfarbene BMW Cruiser auf einem der benachbarten Parkplätze meines Wagens.

Ich war neugierig, wem diese inzwischen selten gewordene Maschine gehört und erkundigte mich bei meinem ebenfalls im LKA arbeitenden lieben Freund Heinrich, der immer über alles Bescheid wusste. Und Heinrich wusste sofort, wem diese durch den James Bond Film "Der Morgen stirbt nie" berühmt gewordene 007-Maschine gehört. Es war seine. Heinrich war in ihren Besitz gekommen, wie es kurioser nicht sein konnte und wie es genau zu ihm passte: er hatte sie im Glücksspiel gewonnen. Nico, ein gemeinsamer Kollege, mit dem uns aber keinerlei Freundschaft verband, hatte beim Pokern 1.000,- € an Heinrich verloren und nicht bezahlen können. Aber Nico besaß diese Cruiser, und mit einer zusätzlichen Ablösesumme, die vertraglich auf einem Bierdeckel fixiert wurde, wechselte die BMW für 5.000,-€ ihren Besitzer. 

Doch Heinrich hatte ja bereits eine Maschine und wollte die Cruiser deshalb verkaufen. Ich war wie elektrisiert! "Was hast Du denn bezahlt?" bohrte ich. "4.000,- €" berichtete Heinrich wahrheitsgemäß, denn das war die Summe, die er auf die zu erlassenen Schulden drauf gegeben hatte. "Na, die zahl ich Dir auch", bot ich meinem Freund an, und zu meiner Überraschung willigte Heinrich nach kurzer Verhandlung für 4.500,- € ein.
Ende 2011 kostete eine gebrauchte BMW R 1200 C je nach Zustand, Laufleistung und Ausführung in der Regel zwischen 6.000 und 9.000 Euro. Nicos ehemalige Maschine hatte bei ihm zwar immer ungeschützt im Freien gestanden und etwas Patina angesetzt, aber sie hatte erst 42.000 km auf dem Tacho und war für 4.000,- € ein echtes Schnäppchen. Doch ich hatte Ende 2011 keine 4.500,- €, aber auch das war kein Problem für meinen Freund Heinrich. Ich zahlte ihm 500,- € an und stotterte den Rest in 20 Monatsraten ab.

Zur Ausstattung dieser meiner Cruiser gehörten natürlich die original Lederkoffer, ein originaler Motorschutzbügel und ein besonders schönes Harley-Custom-Windschild.
Ich war glücklich nun doch noch eine BMW R 1200 C zu besitzen, und ich musste mir sogar eingestehen, dass ich die Elfenbeinfarbe der Maschine inzwischen reizvoller und schöner fand, als das traditionelle Schwarz.

Diese Farbgebung der James-Bond-Ausführung in dem Film “Tomorrow Never Dies - Der Morgen Stirbt nie” mit Pierce Brosnan inspirierte mich auch dazu, der Cruiser neben meiner "Dicken Schwarzen mit dem weißen Elefanten", der BMW R 60/5, den treffenden Namen "Dicke Blonde" zu geben.

Natürlich musste einiges an der Cruiser gemacht werden. Wie schon erwähnt, hatte Nico die Maschine ungeschützt auf der Straße zu stehen gehabt und sich offenbar gar nicht um die Pflege gekümmert. Aber alles hielt sich in Grenzen. Das Betanken mit aggressivem Super E10 Benzin hatte die im Tank liegenden Benzinschläuche zerfressen, …

… die Bremsschläuche hatten sich mangels Wartung zugesetzt und teils verstopft und mussten zusammen mit den abgenutzten Bremsbelägen erneuert werden, …

… und die Batterie war auch fertig und musste getauscht werden, was sich bei diesem Modell als extrem aufwendig herausstellte. Packtaschen abnehmen, Seitenverkleidungen und Sattel demontieren, Benzinleitungen abklemmen, und den Tank abbauen, ehe man den Akku erreichen konnte.

Die nervige etwas unrunde Gasannahme im unteren Drehzahlbereich und auch die Motorleistung ließ sich durch Austausch gegen einen verbesserten Chip optimieren. allerdings das gleiche Procedere: Packtaschen abnehmen, Seitenverkleidungen und Sattel demontieren, Benzinleitungen abklemmen, und den Tank abbauen, ehe die Steuergeräte erreichen und öffnen konnte.

Und, um die Batterie, deren Kapazität für all die Elektronik, wie insbesondere das ABS, nicht gerade befriedigend ist, auch mal überstarten zu können, habe ich mir einen Überstartstecker nach außen verlegt. Das erforderter natürlich wieder “the same procedure as last time”.


Meine Lieblingsmaschine, die R 60/5, war allmählich in die Jahre gekommen, und die Cruiser hatte einfach mehr Power. So avancierte die R 1200C natürlich zur vorrangig genutzten Maschine. Mit ihr ließ ich mich auch nicht im Winter, wenn es schneefrei uns sonnig blieb, vom Cruisen abhalten.

Ich durchstreifte mit der “Dicken Blonden” die Reichshauptstadt und das Brandenburger Umland.

Und natürlich ging es mit der Cruiser ab jetzt auch auf Reisen. Von 2016 bis 2020 fuhr ich im Sommer mit ihr hoch nach Schweden.

Von Berlin aus nahm ich die 12-stündige Anreise jeweils allein unter die Räder der Dicken Blonden.

Und das kleine Zelt war immer mit dabei.

In Schweden traf ich mich dann immer mit meinem Sohn und seinen Freunden, die aus Krefeld angereist kamen.

Gemeinsam durchritten wir fünf BMW-Biker die wunderschön geschwungenen kleinen und einsamen Straßen Schwedens.

Ein besonderes Erlebnis war es auch jedes Mal, mit der Dicken Blonden in Brandenburg zum Jagen zu fahren, sei es in Klosterfelde-Lanke, oder in Horstfelde bei Zossen.